Physiologie des Flötenspiels

"Ich persönlich bin kein Anhänger der Flötenschule, welche die Lernenden dahingehend instruiert, daß ihre erste und letzte Pflicht es ist, entspannt zu sein; denn während des Spiels ist es notwendig, die Muskulatur unter Kontrolle zu haben. Aber Kontrolle heißt nicht, daß man überspannt ist. So hat man drei Dinge anzustreben: Stabilität, aufrechte Haltung, Biegsamkeit. ... Ich bin ziemlich entspannt, wenn ich gerade nicht spiele. Aber jede körperliche Aktivität beansprucht die Muskeln, und ein entspannter Muskel ist so nützlich wie eine gesprungene Feder."
James Galway
"‘Tonus‘ und ‘Ton‘ stammen bezeichnenderweise aus der gleichen sprachlichen Wurzel: tonos - griech. - bedeutet ursprünglich die Spannung der Saite, die bekanntlich nicht nur dem Pfeilschießen, sondern auch der Erzeugung musikalischer Klänge diente. Beim Klavier sind die Saiten gespannt - bei der Flöte muß es der Bläser selbst sein..."
Werner Richter in "Bewusste Flötentechnik"

Bei Fragen der Haltung, Atmung und ähnlich essentiellen Themen, gehen die Meinungen weit auseinander, wie jeder, der schon einmal den Lehrer gewechselt hat, feststellen mußte. Hier der Versuch, einige Fakten und Meinungen zusammenzufassen:

Atmung

Die Lunge selbst, als das eigentliche Atmungsorgan, verfügt nicht über eigene Muskeln, um aktiv für den Gasaustausch zu arbeiten. Sie reagiert vielmehr passiv auf Ausdehnung und Kontraktion des Brustraums. Die Luftströmung entsteht dann aus dem durch das jeweilige Lungenvolumen bedingten Druckgefälle.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für den Bläser, diesem passiven Strömungsvorgang möglichst wenig Widerstand entgegenzusetzen. Das bedeutet im Klartext, die Atemwege möglichst offen zu halten. Besonders im Bereich des Kehlkopfs und des Ansatzes befinden sich diesbezüglich kritische Punkte. Aus der Passivität der Einatmung ergibt sich auch logischerweise, dass der Schwerpunkt nicht hier, sondern auf der kontrollierten Ausatmung liegen muss.

Die am Atmungsvorgang beteiligten Muskeln sind im wesentlichen das Zwerchfell, die Bauchmuskulatur und die Zwischenrippenmuskeln. Bei normaler Atmung werden 60% des ausgetauschten Luftvolumens durch die Zwerchfellbewegung angetrieben. Insgesamt betrachtet wird bei der Einatmung das Zwerchfell angespannt, so daß die inneren Organe nach unten und etwas nach vorne verschoben werden. Als Resultat hiervon wird der Bauch in alle Richtungen ausgedehnt. Gleichzeitig wird der Brustkorb nach vorne und oben ausgeweitet.

Quelle: Pierre-Yves Artaud: Die Flöte

Vibrato

Vibrato ist eine regelmässig wiederholte (periodische) Veränderung des klingenden Tones entweder hinsichtlich seiner Lautstärke (entspricht physikalisch der Amplitude) oder seiner Höhe (physikalisch: Frequenz) und/oder seiner Klangfarbe. Der Ton über- und unterschreitet dabei die Ausgangslage immer wieder.

Das Vibrato wird als Stilmittel verwendet und variiert hinsichtlich der Ausprägung der Auf- und Abbewegung sowie der Geschwindigkeit der Bewegung. Ein gutes Vibrato passt sich jederzeit der Spannungskurve der Musik an und unterstreicht sie.

Auf der Flöte kann ein Vibrato mit den Lippen, dem Kehlkopf, dem Zwerchfell oder auch durch Schütteln der Flöte erzeugt werden. Heutzutage sind alle Methoden außer dem so genannten Zwerchfellvibrato verpönt. Für das Zwerchfellvibrato wird die Luft mit einer zusätzlichen Druckschwankung versehen.

Eine Untersuchung an musizierenden Bläsern durch Miethe im Jahr 1991 zeigte aber, dass das Vibrato in Wahrheit durch die Stimmbänder erzeugt wird.

Quelle: Manfred Spitzer: Musik im Kopf

Haltung

"Wesentlich für eine freie Atemtätigkeit ist eine gerade Haltung, die für freie Beweglichkeit aller beteiligten Organe sorgt. Gleichzeitig wirkt sich aber auch umgekehrt die Atmung auf die Haltung aus: Die meisten Muskeln des Atemsystems sind mit der Halswirbelsäule und den Lendenwirbeln verbunden, so daß die Atmung sich auf Stabilität und Haltung der Wirbelsäule auswirken muß, wie auch umgekehrt die Stellung der Wirbelsäule Geschwindigkeit und Qualität der Atmung beeinflussen wird. Gute Atmung bedeutet daher gute Haltung ebenso, wie gute Haltung auch gute Atmung bewirkt."
Feldenkrais
"Ich ziehe es vor, mit leicht versetzten Füßen zu stehen, den linken Fuß ein wenig nach links, den rechten nach rechts gerichtet, in einem Winkel, wie die Uhrzeiger bei 10 vor 2 ihn einnehmen, mit dem rechten Bein als Stütze für mein Gewicht. Meine Schultern sind nicht mit den Hüften parallel, sondern etwas zur Linken gedreht. Ich wähle die Drehung so, daß das Mundloch sich über dem linken Fuß befindet."
Galway

Die Haltung gewinnt ihre wesentliche Bedeutung für das Flötenspiel neben dem ästhetischen Eindruck für den Zuschauer aus ihrer eben geschilderten Wirkung auf die Atmung. Gleichzeitig strahlen Haltungsfehler, die stets zu Verspannungen führen, auch auf Ansatz und Fingertechnik negativ aus.

Ganz allgemein sollte die individuelle Spielposition beweglich aber stabil sein. Eine Grundspannung ist in jedem Fall gewollt. Die am weitesten verbreiteten Fehlhaltungen sind das Hohlkreuz und der, insbesondere im Sitzen, zurückgelegte Oberkörper, wobei meist auch die Arme seitlich am Rumpf anliegen.

Insgesamt betrachtet steht der Flötist aufgrund der Rechtshaltung des Instruments leicht "verdreht". Der Kopf ist leicht nach links zum Mundloch gedreht, während die Beine eine nach rechts offene Schrittstellung einnehmen (d.h. linker Fuß etwas vor dem rechten).

Die Flöte wird zwischen vier Punkten ausbalanciert:

Die Bedeutung des kleinen Fingers für die Stabilität der Flöte führt auch dazu, dass er bei Tönen zum korrekten Griffbild gehört, bei denen sich durch ihn keine klangliche Verbesserung ergibt.

Die Position der verschiedenen Finger auf den Klappen ist im folgenden Bild dargestellt. Dabei ist die linke Hand in blau, die rechte in rot wiedergegeben. Die Buchstaben bezeichnen Z - Zeigefinger, M - Mittelfinger, R - Ringfinger und K - Kleiner Finger. D für den linken Daumen kennzeichnet in etwa die Position der Doppelklappe auf der Rückseite des Instruments. Der rechte Kleine Finger bedient alle Klappen des Fusses. Der rechte Daumen stützt die Flöte ungefähr unterhalb des Zeigefingers.

Position der Finger auf der Querflöte

Die Finger auf den Klappen bleiben dabei entspannt und ruhen mit den Kuppen auf den Klappen, wobei die Finger jeweils leicht gewölbt sind. Wichtig ist, dass die Klappen der Flöte waagerecht (parallel zum Boden) liegen, so hat die Flöte keine Neigung, in die eine oder andere Richtung wegzurollen und die Finger müssen nicht zusätzlich noch gegen ein Drehmoment halten.

Im Sitzen sollte das Becken aufrecht bleiben, so daß auch der Oberkörper gestreckt ist und die Atmung nicht behindert. Anlehnen ist nur in den Pausen sinnvoll. Sowohl im Sitzen als auch im Stehen sollte der linke Ellenbogen so weit angehoben werden, dass die Ausdehnung des Brustkorbes beim Atmen auf keinen Fall eingeschränkt wird.

Quelle: Trevor Wye - Freude am gewandten Flötenspiel

Ansatz

Im Gegensatz zu einer Blockflöte wird bei der Querflöte nicht durch die Bauweise des Instruments die Tonbildung garantiert. Bei der Blockflöte wird durch die Form des Mundstücks die Luft zur Tonerzeugung auf den Spalt gelenkt. Die Tonerzeugung funktioniert in jedem Fall, wenn man durch den dafür vorgesehenen Spalt bläst. Bei der Querflöte dagegen muss der Spieler die Luft aktiv lenken.

Als Ansatz wird die Tonbildung im Bereich der Lippen bezeichnet, dabei sollte die Unterlippe das Mundloch zu ca. einem Drittel bedecken. Die Abdeckung beeinflusst die Klangfarbe, mehr abzudecken erzeugt mehr Obertöne, führt aber auch zu einem dünneren oder leiseren Ton. Bei geringerer Abdeckung passiert das Gegenteil mit dem Ton (weniger Obertöne und lauter). Die exakt korrekte Position ist individuell und muss gesucht werden. Das Instrument darf nicht mit Kraft gegen das Kinn gedrückt werden, um die Beweglichkeit von Unterkiefer und Unterlippe zu gewährleisten.

In der Mitte der Lippen wird für die ausströmende Luft ein Spalt gebildet. Wichtig ist, dafür die Mundwinkel nicht zu einem Grinsen zurückzuziehen, wodurch die Muskulatur leicht zu fest wird und der Resonanzraum im Mund verringert wird. Besonders bei leisen Tönen ist die Mundstellung eher dem Pfeifen verwandt.

Eine Anfangsschwierigkeit liegt im "Treffen" der Mundlochkante im mittleren Bereich. Schüler korrigieren die Zielgenauigkeit am besten vor dem Spiegel oder kontrollieren die Position des Kondensats auf dem Mundstück nach dem Spiel. Angestrebt wird ein in der Mitte positionierter Keil vom Mundloch weg.

Ein wesentlicher Unterschied der Flöte zu anderen Blasinstrumenten ist der geringe Blaswiderstand, da die Luft in die Umgebung entlassen wird und nicht wie bei Blattinstrumenten durch das Instrument ein Widerstand erzeugt wird. Der Widerstand wird ausschließlich durch den Ansatz gebildet. Da der Widerstand und die durch die Stütze aufgebaute Strömungsenergie in Zusammenhang stehen (Kraft und Gegenkraft), muss bei lautem Spiel der Ansatz ausreichend Widerstand bieten.

Ansatz beim Querflötenspiel

Quellen:

Atemstütze

"Die Atemstütze ist mehr ein Körpergefühl und eine innere Einstellung als eine erlernbare Technik. Sie ist kein Zustand, sondern sie beruht auf Aktion."
Werner Richter
"Wie beim Sänger muß die Atmung des Flötisten zwei Bedingungen erfüllen: absolute Regelmäßigkeit des Luftstroms (was man allgemein als Stütze bezeichnet) und ausreichendes Fassungsvermögen."
Rene Leroy Quelle: Die Flöte

Beteiligt sind die Atemmuskulatur und der Ansatzbereich, die zusammen während der gesamten Ausatmung einen gleichbleibenden Blasdruck zu erhalten suchen. Es handelt sich also um einen sehr fein arbeitetenden Regelmechanismus.

Quellen:

Artikulation

Die Artikulation beim Flötenspiel entspricht der Artikulation beim Sprechen, soweit es die beteiligten Organe oder Körperteile betrifft. Aktiv werden bei der Artikulation beispielsweise die Zunge, der Kehlkopf oder die Lippen.

Nicht zu vernachlässigenden Einfluß auf die Artikulation jedes einzelnen Flötisten hat seine Muttersprache sowie der gewohnte Dialekt.

Die Grundstellung des Mundraums beim Spielen entspricht in etwa der Aussprache des Vokals "ö", da diese Position den Lippen die Freiheit gibt, die Ansatzstellung einzunehmen. Als Startimpuls (Sprenglaut) am Tonbeginn können b oder p (genannt bilabial wegen der Beteiligung beider Lippen), d oder t (alveolar-koronal) oder g-k (velar-postdorsal) verwendet werden.

Die Artikulation unterlag durch die Jahrhunderte den unterschiedlichsten Moden und stellt ein ganz wesentliches Stilmittel beim Musizieren dar. Für eine stimmige Interpretation empfiehlt sich das Studium zeitgenössischer Flötenschulen (z. B. von Hotteterre, Quantz etc.)

Quellen:
Autor: Claudia Haider; Stand 02.05.2014